Netzauslastung: Wie die Elektromobilität unsere Netze fordert

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Lesedauer: 5 Minuten
Elektromobilität Netzauslastung

Die Elektromobilität ist nicht mehr aufzuhalten. Bis 2030 sollen laut Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung rund 15 Millionen E-Autos auf deutschen Straßen unterwegs sein. Zurecht kommt häufig die Frage auf, ob unsere Netze das überhaupt aushalten. Da wir uns nicht mit Vermutungen zufriedengeben wollen, haben wir die Chance genutzt und das Gespräch mit dem Verteilnetzbetreiber SachsenNetze geführt.

 

Die Netzexperten Irina Blümel und Steffen Klinger beantworten unsere Fragen zum Thema Netzauslastung. Irina Blümel leitet das Projekt Elektromobilität Netze und dessen strategische Ausrichtung bei SachsenNetze. Steffen Klinger ist Leiter der Netzplanung für die Ebenen der Mittel- und Niederspannung bei SachsenNetze.

Steffen Klinger
Irina Blümel

Gibt es eine Lösung für die Netzauslastung? umschalten.de fragt nach!

Haben Ihnen der geplante Markthochlauf (Also der in Zukunft steigende Marktanteil von Elektrofahrzeugen) der Elektromobilität und die damit verbundenen Anforderungen an das Stromnetz schon schlaflose Nächte bereitet? 

 

Steffen Klinger: Schlaflose Nächte haben wir deswegen zum Glück nicht, denn wir sind gut auf diese Aufgabe vorbereitet. Unsere Netze haben wir frühzeitig auf die Verträglichkeit in Sachen E-Mobilität geprüft.

 

Irina Blümel: Die prognostizierten Millionen E-Autos werden die Verbraucher nur kaufen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu zählt unser vereinfachtes Verfahren für die Anmeldung und Prüfung der Ladetechnik für den Bereich von Kleinanschlüssen bis 30 Kilowatt Leistung. Die Interessenten können dann in kürzester Zeit ihre Ladetechnik bauen oder erfahren, was dafür notwendig ist.

Für Elektroautos sind spezielle Ladeeinrichtungen nötig, nicht nur einfache Haushaltssteckdose. Warum müssen sie dem Netzbetreiber gemeldet werden?

 

Blümel: In der Vergangenheit war immer wieder zu hören, man könne das E-Auto an der Steckdose aufladen. Davon ist dringend abzuraten. Denn für eine so starke dauerhafte Belastung sind die meisten herkömmliche Hausanschlüsse nicht ausgelegt. Im Privatkundenbereich werden inzwischen sogenannte Wallboxen als spezielle Ladeeinrichtung mit entsprechendem Schutz und Leistungen meistens bis 11 Kilowatt eingesetzt. Die Niederspannungsanschlussverordnung legt fest, dass Ladeeinrichtungen mit einer Leistung größer 11 kW durch den Netzbetreiber, also durch uns als SachsenNetze, zustimmungspflichtig sind. Bei kleinerer Leistung sind sie lediglich anzeigepflichtig. Dies ist für die zukunftssichere Planung unserer Netze besonders wichtig.

 

Klinger: Die aktuellen Netze wurden geplant, als an derartige leistungsintensive und dezentrale Anlagen in großer Stückzahl nicht zu denken war. Ein unkontrollierter Wildwuchs wäre mit Blick auf die Netzstabilität problematisch. Inzwischen funktioniert das Anmelden gut, wozu auch unser vereinfachtes Anmeldeverfahren beiträgt. Wir sind gewappnet für eine wachsende Zahl von Ladeeinrichtungen.

 

Alle wichtigen Infos dazu, womit Sie ihr E-Auto zuhause laden, finden Sie in unserem großen Wallbox Guide 2022!

 

Wie stellt sich SachsenNetze auf diesen Boom ein, der um Dresden und den ostsächsischen Raum sicher keinen Bogen macht?

 

Klinger: Für unsere Aufgabe, das Netz vorausschauend für die nächsten Jahrzehnte zu planen, sind verlässliche Daten wichtig. Seit 2015 arbeiten wir mit einem externen Dienstleister zusammen, der Mobilitätswerk GmbH aus Dresden. Zu Beginn ließen wir einzelne Netzgebiete untersuchen. Inzwischen hat das Unternehmen eine Studie für den gesamten ostsächsischen Raum erarbeitet. Nun liegen uns fundierte Prognosewerte bis 2050 über die räumliche Verteilung von Ladevorgängen vor. Anhand des prognostizierten Ladeverhaltens lässt sich der Strombedarf ableiten. So können wir die Anforderungen besser planen und in bestimmten Gebieten unser Stromnetz frühzeitig ausbauen. Da sich die E-Mobilität im Zusammenhang mit dem Markthochlauf und politischen Entscheidungen sehr dynamisch entwickelt, werden die Ergebnisse der Studie alle zwei bis drei Jahre aktualisiert.

 

Blümel: Außerdem legen wir den Fokus stärker auf Partnerschaften mit Elektro-Installateuren in unserer Region. Wir führen Schulungen durch, um sie zu informieren. Die Installateure sind wichtige Partner auf dem Weg zum Endkunden. Mit ihnen suchen wir den fachlichen Dialog, was auch über die Elektromobilität hinaus geht. Weitere Themen, die im Rahmen der Energiewende immer präsenter werden, sind die Installation von Erneuerbare-Energien-Anlagen oder Wärmepumpen. Die Anforderungen an das Netz der Zukunft sind sehr vielseitig, und der Zuwachs an E-Fahrzeugen ist eine davon.

Dresden Zentrum Karte Ladevorgänge
Ladevorgänge Legende

Schon heute auf morgen vorbereitet sein:

 

In einer Studie hat die Mobilitätswerk GmbH im Auftrag der SachsenNetze die Auswirkungen der Elektromobilität auf die Stromnetze im ostsächsischen Raum untersucht. Die Grafik zeigt die zu erwartende räumliche Verteilung der Ladevorgänge für das Jahr 2050 rund um das Dresdner Stadtzentrum.

Wenn künftig sehr viele Elektroautos gleichzeitig laden, kann das die Stromnetze überfordern. Wie lässt sich da gegensteuern?

 

Klinger: Natürlich kommt es durch das Laden von E-Autos zu einer höheren Last im Netz. Uns hilft es sehr, wenn der Kunde uns erlaubt, die Ladeeinrichtung seines Elektroautos zu steuern. Wobei das nicht Abschalten, sondern Leistungsreduzierung auf rund 60 Prozent heißt.

 

Blümel: Dadurch wird das Fahrzeug nur zu lastärmeren Zeiten geladen, was der Netzstabilität zugutekommt. Der Kunde, der uns diese Steuerbarkeit erlaubt, hat dadurch zudem finanzielle Vorteile und ist für die Zukunft bestens vorbereitet.

Grafik Regionalisierung der Elektrofahrzeuge und Ladevorgänge

Quelle: Mobilitätswerk GmbH

Ein Blick in die Zukunft am Beispiel der Gemeinde Moritzburg:

 

Entwickelt sich die Elektromobilität moderat, werden für das Jahr 2040 etwa 880 Ladevorgänge pro Tag prognostiziert. Während etwas mehr als die Hälfte daheim geladen wird, befördert der Tourismus überdurchschnittlich das Gelegenheitsladen an (halb-)öffentlichen Ladeeinrichtungen. Interessant ist, dass die Ladevorgänge auf privaten Grund die Ladevorgänge auf (halb-)öffentlichen Grund laut Prognose deutlich in Schatten stellen werden.

Die Batterien von Elektroautos sind als Stromspeicher nutzbar. Inwiefern kann das die Stromnetze entlasten?

 

Klinger: Die Fachleute sprechen dabei vom bidirektionalen Laden. Künftig wird das ein wichtiges Thema sein. Immer mehr Endkunden wollen den selbst erzeugten Strom entweder verbrauchen oder speichern. Aber das öffentliche Versorgungsnetz muss stabil verfügbar sein. Diese Entwicklung werden wir aktiv begleiten.

 

Blümel: Das ordnet sich ein in die Digitalisierung der Energiewende, bei der intelligente Messsysteme eine entscheidende Rolle spielen. Hier werden wir in den nächsten Jahren vorankommen und uns mit neuen Herausforderungen beschäftigen. Mit der Bewältigung solcher neuen Aufgaben kennen wir uns als Netzbetreiber bestens aus.

 

 

Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie in unserem Beitrag zum bidirektionalen Laden!

  

Welche Maßnahmen gibt es konkret, um die Netzauslastung zu minimieren?

 

Zusammengefasst gibt es einige Möglichkeiten, die Netzauslastung bei steigendem Marktanteil der Elektrofahrzeuge zu minimieren. Das Stromnetz wird frühzeitig ausgebaut, besonders in den Bereichen, in denen ein hoher Bedarf an Ladetechnik prognostiziert wird. Durch die dynamische Entwicklung der Elektromobilität sind die Studien, die den Bedarf prognostizieren, nicht in Stein gemeißelt, sondern werden alle 2-3 Jahre aktualisiert. So kann der Netzanbieter immer einen Schritt voraus sein. Für Privatkunden gibt es finanzielle Anreize, die eigenen Ladezeiten durch den Netzbetreiber steuern zu lassen. Dies bedeutet aber explizit nicht, dass man während bestimmter Zeiten nicht laden kann. Vielmehr ist es eine Reduktion auf maximal 60 % Ladeleistung in Zeiten besonders hoher Netzauslastung. Auch die Nutzung von bidirektionalem Laden als Netz-Speicher-Erweiterung wird zunehmend attraktiver und bietet neben der Möglichkeit, die Netzauslastung zu verringern, auch den Endkunden diverse Vorteile.

 

Wir hoffen, dass unsere beiden Fachleute einige Ihrer Fragen beantworten konnten. Es ist in jedem Fall beruhigend zu wissen, dass Netzanbieter sich schon heute mit der Netzauslastung von morgen und übermorgen auseinandersetzen. Damit die Elektromobilität zum neuen Standard wird, sind die Rahmenbedingungen für Endkunden die wichtigsten Faktoren. Wir freuen uns auf die Zukunft!

 

Falls Sie Fragen zum Thema Netzauslastung oder Elektromobilität allgemein haben, schreiben Sie uns gerne unter frag@umschalten.de!

Ein Beitrag von Marcel Duparré

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