WASSER­STOFFAUTOS: MEHR VOR- ODER NACHTEILE? UNSER TEST!

Sind Wasserstoffautos bereits heute eine Alternative zu Verbrennern? Ist die Frage wirklich „Wasserstoffautos oder Elektroautos?“ Oder sind Autos mit Brennstoffzellen nur ein Teil der Zukunft? Wir haben getestet, wie gut ein Wasserstoffauto im Alltag funktioniert und über die Chancen mit einem Brennstoffzellen-Experten gesprochen.

Umschalten.de hat den Test gewagt: Wie gut funktionieren Wasserstoffautos heute bereits im Alltagtest? Im Video am Ende des Artikels erklärt Carsten Wald, Fachgruppenleiter Elektromobilität beim Energieversorger ENSO, wie gut seine Dienstreise von Dresden nach Leipzig und zurück geklappt hat und welche Vor- und Nachteile er bei Brennstoffzellenautos sieht.

Wie funktioniert ein Wasserstoffauto?

 

Wasserstoffautos sind auch Elektroautos: Der Antrieb funktioniert bei beiden Alternativen gleich. Der Unterschied ist der Energiespeicher: Währenddessen Elektroautos in der Regel BEV’s, also batterieelektrische Fahrzeuge, meinen, wird die Energie beim H2-Auto in einer Brennstoffzelle in Form von reinem Wasserstoff gespeichert. Bei Kontakt des Wasserstoffs (chemisches Symbol „H“) mit dem Sauerstoff („O“) in der Luft reagieren die Stoffe miteinander und es entsteht elektrische Energie für den Antrieb. Hervor bringt diese chemische Reaktion Wasser („H2O“), dass völlig ungefährlich als „Abgas“ entweicht.

Was sind die Vor- und Nachteile von Wasserstoffautos?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir den Praxistest gewagt: Carsten Wald vom Energieversorger ENSO ist mit einem Toyota Mirai (Listenpreis ab 76.000 Euro) die Strecke von Dresden nach Leipzig hin- und zurückgefahren. Sein Eindruck: „Der Fahreindruck ist genauso wie bei einem normalen Elektroauto.“ Außer ein paar leisen Geräuschen unterscheidet sich der Eindruck nicht wesentlich. „Das Fahrverhalten ist nicht auf Sportlichkeit ausgelegt. Man merkt, dass die Ingenieure einen hohen Wert auf Sparsamkeit legen.“ Laut Herrn Wald liege das auch daran, dass Wasserstoff aktuell noch ein wertvoller Rohstoff sei. Der aktuelle Kilopreis liegt bei ungefähr 9,50 Euro, bei guter Fahrweise kommt man damit ungefähr 100 Kilometer weit. „Der Preis ist mit einem Benziner durchaus vergleichbar.“

Carsten Wald sieht den größten Vorteil von Wasserstoff u.a. beim einfachen Transport. Wasserstoff könnte in Zukunft für den globalen Weltmarkt kostengünstig hergestellt und leicht transportiert werden. Zudem sind Brennstoffzellenautos lokal emissionsfrei und können in nur wenigen Minuten getankt werden – eine echte Zeitersparnis im Vergleich zu Batterie-Fahrzeugen. Zudem kann die bei der Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff entstehende Wärme direkt zur Erwärmung oder Kühlung der Fahrgastzelle genutzt werden, sodass keine wertvolle Antriebsenergie dafür genutzt werden muss. Nachteile sind laut Herrn Wald derzeit noch die hohen Anschaffungskosten sowie die geringe Tankstellendichte. Zudem ist der Wirkungsgrad bei Wasserstoffautos schlechter. In Zukunft wird es zudem wichtiger, dass der Wasserstoff auch sauber hergestellt wird. Da das Element in reiner Form nicht in der Natur vorliegt, muss es produziert werden. Das verbraucht Energie und geschieht aktuell fast immer ohne regenerativen Strom.

Sind Wasserstoffautos die Zukunft?

Aber ist es wirklich entscheidend, ob ein Auto etwas mehr oder weniger Wirkungsgrad hat? Oder wie sauber der Energiespeicher ist? Auch batterieelektrische Autos sind keine „Saubermänner“. Das in den Batterien benötigte Kobalt beispielsweise gibt es nur im Kongo. Der Umgang mit Menschenrechten in diesem Land kann nicht immer gewährleistet werden. Auch Lithium ist nicht zu 100% sauber zu gewinnen. Karl Lötsch vom Innovationscluster „HZwo“ von der Technischen Universität Chemnitz mahnt deshalb, die beiden alternativen Antrieb nicht gegeneinander auszuspielen: „Beim Atom- und Kohleausstieg wurde doch auch nicht über Photovoltaik ODER Windenergie diskutiert.“ Er macht deutlich, dass alle Technologien, die dabei helfen können, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, ihre Bedeutung haben, wenn wir die Klimaziele erreichen und nicht bis 2030 warten wollen. „Wasserstoff- bzw. Brennstoffzellenautos stehen heute dort in der wirtschaftlichen Entwicklung, wo BEV’s 2013 standen.“ Seitdem ist bei batterieelektrischen Autos viel geschehen. Auch der Bund erkennt diese Chance und fördert grünen Wasserstoff in den kommenden Jahren mit 9 Mrd. Euro. Die EU will die europaweite Wasserstoffproduktion bis 2024 auf eine Mio. Tonnen anheben und so Wasserstoff durch Skaleneffekt auch günstiger gestalten.

Wasserstoff Infografik

Abbildung 1: Die „grüne“ Chance: Mittels Elektrolyse können die Wasserstoff- und Sauerstoffatome im Wasser voneinander getrennt werden, Wasserstoff entsteht.

„Die asiatischen Hersteller wollen bis 2025 Mittelklassefahrzeuge mit Wasserstoff für Preise zwischen 25.000 und 30.000 Euro anbieten“, erklärt der Brennstoffzellenexperte Karl Lötsch. Brennstoffzellenautos seien aber auch eine große Chance für Sachsen: „Wir haben hier die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Kompetenzen. Ziel muss es sein, dass Wasserstoffautos oder zumindest wesentliche Teile aus Sachsen kommen.“ Es gäbe derzeit nur drei wesentliche Entwicklungsstandorte für Brennstoffzellen in Deutschland und das ist neben Baden-Württemberg und Bayern unser Bundesland. Auch die bereits vorhandenen Wasserstoff-Pipelines der Chemieindustrie könnten dem Standort zugutekommen.

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Wasserstoffautos oder Elektroautos – unser Fazit

Beide Experten, Carsten Wald von ENSO und Karl Lötsch von HZwo, sind sich einig: Im Wasserstoff und in Brennstoffzellenautos liegen unausgeschöpfte Möglichkeiten. Wasserstoffautos können neben batterieelektrischen Fahrzeugen ein wichtiger Baustein für die Decarbonisierung und die Verkehrswende sein. Ein weiteres Argument: Da Industrie wie die Stahlindustrie ohne Wasserstoff gar nicht „grün“ werden können, wird Wasserstoff zwangsweise in Zukunft in sehr großen Mengen hergestellt werden müssen. „Im Vergleich ist der Bedarf des Individualverkehrs gering“, so Experte Herr Lötsch. Autos ohne eine nachhaltige Stahlindustrie herzustellen ließe sich zudem nur schwer vorstellen.

Derzeit lohnt sich der Umstieg durch die hohen Fahrzeugpreise aber noch nicht für jedermann: Energieversorger sind hier Pioniere, um die laufenden Kosten von Brennstoffzellenautos für ihre Fuhrparks zu untersuchen. „Schon heute kann ich mir Wasserstoffautos sehr gut bei Mobilitätsdienstleistern wie Taxiunternehmen vorstellen“, erklärt Herr Wald. Insbesondere in urbanen Großräumen wie München oder Hamburg sei die Tankstellendichte bereits sehr gut und eine Fahrt mit einem Wasserstoffauto ist sowieso genauso bequem wie mit einem Verbrenner.

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Wasserstoffautos? Wie sehen Sie die Zukunft der Mobilität? Schreiben Sie uns Ihre Meinung und Ihre Themenvorschläge an frag@umschalten.de!